Am Sonntag, 21. Juni 2026 um 14:30 Uhr fand unser jährliche Gedenkgottesdienst für verstorbene Kinder, in der alten Friedhofskapelle auf dem Hauptfriedhof in Trier statt.
Das Team war in diesem Jahr Pfarrerin Sonja Mitze und Elisabeth Kretschmann, die die professionelle musikalische Gestaltung übernahm.
Hier die Ansprache von Pfarrerin Sonja Mitze:
Ein Stein. Ich nehme ihn zur Hand und betrachte ihn.
Erinnerungen werden in mir wach –
an steinige Wege, die ich gegangen bin.
An schwere Wege.
Wege der Angst und des Schreckens.
Wege des Schmerzes und der Trauer.
Wege der Einsamkeit und Verzweiflung.
Ich erinnere mich daran.
Ich erinnere mich an Tage,
da lag die Trauer wie ein Stein auf meinem Herzen.
Es tat weh und ich bekam schlecht Luft.
Worte blieben mir wie ein Kloß im Halse stecken.
Alles erschien sinnlos.
So, als könnte ich nie wieder Freude empfinden.
Ich erinnere mich an diese Tage.
Und dann erinnere ich mich an jenen Tag,
an dem die Frau zum Grab unterwegs war.
Beim Aufgang der Sonne war sie aufgebrochen.
Voller Trauer und Verzweiflung.
Sie fragte sich, was nun werden würde,
wie es jetzt weitergehen sollte.
Erinnerungen stiegen in ihr auf:
An die letzten Tage, die so schwer gewesen waren,
an Tod und Sterben.
Schwer wie der Stein, der das Grab verschloss,
fühlte es sich an.
Doch als sie angekommen war, sah sie es:
Der Stein war weg. Nicht ganz weg natürlich. Aber verschoben.
Er war ein Stückchen zur Seite gerückt.
Gerade so viel, dass sie ins Innere blicken konnte.
Und da saßen sie: zwei Engel. Mehr nicht.
Tränen liefen ihr übers Gesicht.
Es fühlte sich an, als sei ihr auch noch das letzte genommen worden, dass sie an ihn erinnerte.
Warum weinst du?, fragte einer der Engel.
Eine seltsame Frage an einem Grab.
Aber in diesem Moment wurde ihr bewusst,
dass sie nicht nur um ihn weinte, sondern auch um die Möglichkeit, ihn noch einmal zu sehen und zu berühren.
Sie wollte ihn suchen, ihn wieder haben, aber sie wusste nicht, wo er war.
Sie drehte sich um. Weg von der Leere, weg vom Grab –
Und dann sah sie ihn: den Friedhofsgärtner.
Sicher konnte der ihr sagen, wo er jetzt war,
was mit ihrem geliebten Freund geschehen war.
Doch als sie ihn fragte, kam nur ein Wort über seine Lippen.
Es war ihr Name, bei dem er sie gerufen hatte.
Und in diesem Moment erinnerte sie sich. An ihn.
Er sah anders aus. Irgendwie verändert,
deshalb hatte sie ihn nicht sofort erkannt.
Aber er war da. Und lebte. Auferstanden.
Der Stein war weg.
Nicht nur der vom Grab,
sondern auch der, der auf ihrem Herzen gelegen hatte.
Langsam, ganz allmählich, verwandelte sich ihre Trauer in Freude, ihre Verzweiflung in Hoffnung und Zuversicht.
Ich halte meinen Stein in Händen und erinnere mich.
Ich erinnere mich an meine Tochter, die tot zur Welt kam.
Ich erinnere mich an meine Trauer um dieses Leben,
auf das ich mich gefreut hatte, mit ihr zu teilen.
Ich erinnere mich an die Hoffnung auf dieses neue Leben,
die mit ihr starb.
Ich erinnere mich aber auch daran, wie wir ihren Sarg bunt bemalten und wie meine kleine Tochter auf der Beerdigung ihrer Schwester tanzte. Leben, das dem Tod trotze.
Viele Jahre sind seitdem vergangen.
Meine Kinder sind inzwischen erwachsen geworden.
Und mit ihnen auch die Erinnerung an ihre Schwester.
Sie ist bei Gott groß geworden.
Und ich weiß, dass es ihr gut geht, da wo sie jetzt ist.
Ab und zu besuche ich sie.
Und ich erinnere mich, dass Gott uns beide durch das Dunkel des Todes geführt hat: meine Tochter ins Licht des ewigen Lebens, mich zurück in mein irdisches Leben.
Der Stein, der auf meinem Herzen lag,
ist mit der Zeit verschwunden.
Geblieben ist die Erinnerung und die Liebe, die uns verbindet.
Und so wurde aus meinem Stein ganz allmählich mit der Zeit ein Stein der Erinnerung.
Heute will ich ihn ablegen. Im Gedenken an meine Tochter.
Denn ich erinnere mich: im Judentum ist es üblich,
einen Stein abzulegen, wenn man ein Grab besucht.
So lade ich Sie ein, es mir gleich zu tun
und ihren Stein nach vorne zu bringen.
Sie dürfen ihn ablegen zum Gedenken Ihres Kindes.
Und sich dann ein Licht mitnehmen.
Möge es ihnen leuchten und Sie an ihr Kind erinnern.
Amen
Nach dem Gottesdienst gingen wir gemeinsam zum Kindergrabfeld `Krokuswiese´. Christine Kreusch und Lisa Girmscheid haben dort um 15:30 Uhr das jüdische Gedicht `Beim Aufgang der Sonne´ vorgelesen und Erinnerungsstücke verteilt.
Anschließend spazierten wir weiter zum Kindergrabfeld `Birnengarten´. Die Sitzblöcke um den Lindenbaum boten uns Platz, ab 16 Uhr bei einem kleinen Picknick mit Selbstmitgebrachtem, ins Gespräch zu kommen.
Eingeladen war alle Menschen, die sich mit uns verbunden fühlen.
Egal, ob zum Gottesdienst oder auch nur zum Picknick. Alle waren uns herzlich willkommen!










